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YONDER JOURNAL: SUNCHULI PASS

Auch wenn du einen ausgeprägten Orientierungssinn hast, ist die Cordillera Apolobamba Bergkette in Bolivien auf der Karte schwer auszumachen. Die Jungs vom Yonder Journal haben sie aufegspürt, um dort ein Abenteuer mit ihren Fatbikes zu wagen.

Schon seit frühester Kindheit waren wir fasziniert vom Reiz eines Bike-Abenteuers. In der Jugend hieß dies, die entferntesten Randgebiete unserer Viertels zu durchstreifen. Wir lebten also in einer kleinen Welt, aber je älter wir wurden, desto weiter reichte auch unser Abenteuer-Horizont. Was einst klein und nicht zu verstehen schien, wurde zunehmend unbegreiflich und unerreichbar. Unser Bike verkörperte jedoch für uns stets die Möglichkeit, auszubrechen und physische oder mentale Grenzen zu überwinden. Unsere Freunde des Yonder Journals teilen diese Mentalität. Sie verstehen, welche Bedeutung das Abenteuer für uns hat; deshalb sind sie für uns losgezogen, um dem Ruf des Abenteuers zu folgen, wohin auch immer er sie führen würde. Dank dieser Reise haben wir uns auf die Quintessenz des Radfahrens besonnen, auf die Abenteuerlust, die wir mit unserem Bike verbinden. Machen wir uns also mit ihnen auf den Weg…

BOLIVIEN

KOPPELNAVIGATION

Gibt es etwas Unberechenbareres als Glück? Die Launen dieses unergründlichen Faszinosums vermochten schon Dynastien zu stürzen oder zu Macht zu verhelfen. Glück existiert; das werden wohl die meisten Menschen so bestätigen, aber was genau ist Glück eigentlich? Die unverbesserlichen Rationalisten, Numeriker und Wahrscheinlichkeitstheoretiker glauben nicht an die Existenz von Glück und rechnen es schlichtweg weg. Glück ist ein Mythos, schlichtweg eine Glaubensangelegenheit. Es mag sein, dass jeder von uns ein anderes Verständnis von Glück hat – von seiner Kraft und von seinen Fähigkeiten – und dieses ist abhängig von unseren individuellen Erfahrungen. Eines kann ich jedoch mit Gewissheit sagen: Glück ist nichts, wovon du abhängig bist, noch ist es lebenswichtig. Wir machten uns also auf den Weg in die Bolivianischen Anden, allerdings hatten wir unsere Route nicht auswendig im Kopf und unsere Ausrüstung war zwar sorgfältig ausgewählt, aber noch nicht getestet worden. Wir würden also eventuell ein wenig Glück gut gebrauchen können. Wir waren zu dritt unterwegs: Daniel Pasley, Kyle von Hoetzendorff, und James Crowe. Daniel und ich sind für das Yonder Journal zuständig. Daniel kümmert sich um die Fotos, sorgt mit seinen Witzen stets für heitere Stimmung und vergisst in unserer Planung kein einziges Detail, während ich unsere Abenteuer niederschreibe und die Organisation unserer Trips übernehme. James kehrte erst kürzlich von einem einjährigen Motorradtrip von Kanada nach Südamerika zurück. Er hat nicht nun nicht nur wichtige Reise-Erfahrungen gemacht, sondern ist auch ein kreativer, aber dickköpfig pragmatischer Charakter, der in Whistler schon von Kindesbeinen mit dem Radrennsport auswuchs. Wegen dieses Trips hatte James eine kleine Schwäche für Bolivien entwickelt, und nach einem Telefonat mit einem reiseerfahrenen Pärchen, das er auf seiner Reise kennengelernt hatte, stand fest, dass wir eine kaum bekannte Trekking-Route in einer eindrucksvollen Bergkette namens Cordillera Apolobambas fahren würden. Die Informationen über diese vom Tourismus bislang wenig tangierten Region waren daher eher spärlich, also mussten wir uns bei der Planung auf unsere eigenen Einschätzungen und Erfahrungen verlassen. Denn dies ist gewiss kein Urlaubsort, über den du bei der Lektüre eines Reise- und Freizeitmagazins stolperst. Das besagte Paar, die James befragt hatte, hatte die Route in den 90er Jahren bereist, also zu einer Zeit, in der dort eine antiamerikanische Stimmung herrschte und die Infrastruktur eher rudimentär vorhanden war. Doch gingen wir zunächst davon aus, dass sich an diesen Gegebenheiten in der Zwischenzeit nicht viel geändert hatte. Die Region Apolobamba ist trotz guter Orientierung auf der Karte schwer zu finden. Google Earth schien uns noch die vertrauenswürdigste Informationsquelle, obwohl sie dieser Region generell bislang eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Die physischen Karten stammten aus den 1970er Jahren - eine Tatsache, die uns nicht besonders ermutigte. Wir würden uns in relativ großer Höhe aufhalten und mit unbeständigem Wetter und unwegsamen Straßen zurechtkommen müssen. Beinahe gelähmt von diesen Aussichten standen wir vor der schwierigen Aufgabe, die passenden Bikes für unsere Unternehmung auszuwählen. Sollten wir auf das treue und verlässliche AWOL zurückgreifen, das uns sicher durch Schnee und Überschwemmungen in Neuseeland manövriert hatte oder doch das robuste, aber behäbig wirkende Fatboy, mit dem wir bislang noch fast keinerlei Erfahrung gemacht haben? Daher musste das Los mit einem Münzwurf entscheiden, das erste Mal, dass wir also das Glück herausforderten. Im Nachhinein betrachtet bin ich mir nicht sicher, ob wir die Route ohne Fatbike-Ausstattung überhaupt gemeistert hätten. Unfassbar marode Straßen, unser übergewichtiges Gepäck und die anspruchsvolle und steile Strecke: Genau dafür ist das Fatboy gemacht. Kein Und, kein Wenn oder Aber. Wir hätten es nicht vorhersehen können, aber diese Entscheidung brachte eine Reihe glücklicher Ereignisse mit sich. Wir hatten schlichtweg das Glück auf unserer Seite. Doch Glück stellt dich auf die Probe, manchmal greift es dir sofort unter die Arme, manchmal musst du aber erst lernen und deine Erfahrungen machen, damit es sich auf deine Seite schlägt.

Wir können von Glück reden, dass der Fahrer unseres Vans, zwar halbbetrunken und daher etwas lädiert zwei Stunden zu spät kam, aber immerhin noch auftauchte. Jedoch führte seine Verspätung dazu, dass uns Edgar, ein SERNAP Förster, den wir zufällig trafen, zu sich nach Hause einlud als gerade die Sonne unterging und es schlagartig kalt wurde. So konnten wir die erste lange Nacht, mehr oder weniger schlaflos aufgrund der ungewohnten Höhe, an einem trockenen und sauberen Ort verbringen, anstatt draußen im nasskalten Gefilde Wind, Wetter und den Launen des Altiplano ausgesetzt zu sein. Weniger glücklich war jedoch, dass wir an einer Kreuzung ohne Beschilderung hoch über dem kleinen Städtchen Pelechuco in die falsche Richtung fuhren. Wir überquerten den falschen Pass und somit auch das falsche Tal, wo wir ein paar gestrandete Einheimische trafen, die uns über unsere Irrfahrt aufklärten. Tja, nun mussten wir den gesamten Weg samt Höhenmetern wieder zurückfahren. Als wir am nächsten Tag nun die richtige Route genommen hatten, erreichten wir die Kleinstadt Hilo Hilo, wo wir zufälligerweise auf deren Oberhäupter trafen. Wir durften tatsächlich das riesige neue Touristenhotel mit seinem 90er Jahre Schick und seinen ebenso riesigen Betten als Erstbesucher einweihen. Hätten wir tags zuvor auf Anhieb die richtige Route genommen, wären wir nun auf der Suche nach einem schlammigen Campingplatz oder einer schäbigen Hütte für die Nacht durch die Stadt geirrt. Was für ein Glück und wir genossen es sehr! Auf unseren bisherigen Trips waren wir selten so vom Schicksal verwöhnt worden wie hier in Bolivien. Nur allzu oft mussten wir unsere Touren wegen Wetterkapriolen, technischer Probleme oder Unfälle vorzeitig abbrechen. Und unsere Glückssträhne hielt an: Wir erklommen problemlos acht Viertausender, einer maß etwa 4.500 m und einige sogar über 5.000 m. Wir waren der Plagerei ein wenig überdrüssig und wir sehnten uns mittlerweile nach häuslichem Komfort, doch dann begegneten wir unterwegs einer Gruppe nuschelnder Bergarbeiter, die uns den Weg wiesen als die Straße plötzlich im Nichts endete. Und glücklicherweise blieben wir vom Nebel auf unserem Weg entlang der Küste verschont, der lange genug die Berge umhüllte und wir unsere Route bei optimaler Sicht bis zum anderen Ende des Tals fortsetzen konnten. Ich wollte jede Nacht mein Amulett nicht mehr loslassen, ein wundervolles Stück Handwerkskunst das von unserem Freund und Zauberer Mike Cherney in den sagenumwobenen Bergen des Mythical State of Jefferson geschmiedet wurde. Diese Amulette – Daniel und ich besaßen jeweils eins – schienen unser Glück noch zu verstärken. So trug ich meines jeden Abend in der Hoffnung, dass es uns einen weiteren glücklichen Tag bescheren würde. Schließlich konnten wir unseren Trip erfolgreich beenden und erreichten unseren Zielort La Paz sogar einen Tag früher als geplant. Auch dort ließ uns das Glück nicht im Stich und wir wurden mit dem Luxus warmer Betten, Toiletten mit Spülung und vorzüglichen Kaffees verwöhnt und konnten dank einer passablen Wifi-Verbindung auch wieder Kontakt zu unserer Heimat und unseren Familien aufnehmen. Viele weitere Abenteuer werden folgen und ich hoffe, dass wir nicht unser gesamtes Glück bereits in Bolivien beansprucht haben….