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YONDER JOURNAL: APPALACHEN, VERMONT

Gespenstische Eisenbahntunnel, unberührter Kies, und die ewige Suche nach Pizza – das und mehr könnt ihr in der der neusten Episode des Yonder Journal lesen.

Amerikas Ostküste steckt voller Geschichte: Plymouth Rock, die Pilgerväter, Hexenprozesse, Revolutionskrieg, Bürgerkrieg und Dunkin‘ Donuts sind jedem ein Begriff. Geschichtsträchtig und uralt sind auch die Berge – tatsächlich bezeichnet man die Appalachen häufig als die ältesten Berge der Welt. Was ihnen an Höhe fehlt, machen sie mit tiefen Furchen, Spalten und Kratern wett. Und auch so kommt man auf Höhenmeter! Doch das war nur einer der Gründe, warum wir die Ostküste als Ziel für unsere Abenteuertour gewählt hatten. Wir wollten historisch wichtige Städte, verlassene Tunnel und anachronistische Kulturen sehen und der Ostküste die Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, die sie in unseren Augen verdient.

Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Ebene und wenig befahrende Schotterstraßen umgeben von unberührter grüner Natur erwarteten uns. Wir speisten Pizza, BBQ und mexikanische Spezialitäten (welche sich im Nachhinein eine weniger gute Entscheidung entpuppten). Wir fuhren die steilsten Kopfsteinplasterwege in Nordamerika und gingen Tubing in einem Fluß, der seit tausend Jahren durch die weltweit ältesten Berge fließt. Unsere Route führte uns durch Vermont, Pennsylvania und Virginia und obwohl wir für jeden Ort spezielle Pläne hatten, blieben wir flexibel und ließen von Zeit zu Zeit das Bauchgefühl entscheiden. Das Ziel unserer siebenköpfigen Crew war es, das Beste aus der Tour herauszuholen. Dank toller Touren, viel Rotwein und eines hohen Spaßfaktors ist uns das mehr als gelungen.

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VERMONT

Als wir Benedict (auch bekannt unter Bene, Ultraromance, Poppi, Jonti, The Cybershark) erzählten, dass er uns einen Ride in den Nordosten organisieren soll, stand die Destination für ihn fest: Unsere Reise würde in Vermont stattfinden. Ein Staat, der trotz seiner spärlichen Bevölkerung bekannt für seine kunsthandwerklichen Shops und Lebensmittelläden ist. Selbstgemachte Spezialitäten sind seiner Meinung nach essentiell, um Körper und Geist in Schuss zu halten. Aber bei hausgemachter Marmelade hört die Einzigartigkeit von Vermont noch lange nicht auf: Ebene Feldwege, verlassene Tunnels, Wildcamping sind nur wenige der Vorzüge, die uns als Biketouristen immer wieder in Staunen versetzten.

Wir starteten in Brattleboro, nachdem wir bei Mocha Joe’s noch einmal ordentlich zugelangt hatten. Es ging Richtung Osten aus der Stadt heraus. Wir kamen auf dem Schotter schnell voran, der Untergrund fühlte sich an wie fast ganz getrockneter Beton – einzigartig. Unser Weg führte uns durch Dörfer mit weißen Häusern und einer Post. Keine Geschäfte, keine Tankstelle, und meist keine Menschen. Irgendwie surreal, unwirklich erschien das. Das Gefühl ist sicherlich auch durch die alten Friedhöfe bestärkt – wir waren uns sicher, dass es dort Geister gab.

Am Ende des ersten Tages erreichten wir den Hoosac Tunnel im Westen Massachusetts, der einmal der längste Tunnel Amerikas war. Schlechtes Karma sagt man ihm nach und Benedict tat mit seinen Schauermärchen sein Übriges. Züge würden den Tunnel zudem nur zwei- bis dreimal am Tag durchqueren, so Benedict. Und weil direkt bei unserer Ankunft schon ein Zug durchrauschte, meinte er zu wissen, dass wir jede Menge Zeit hatten, den Tunnel in seiner Tiefe zu erkunden – doch damit lag er falsch. Ein paar von uns waren schon tief im Schacht, als sich der Wind auf einmal um 180 Grad drehte, gefolgt von einem lauter werdenden und sich nähernden Geräusch.

Ja, einige von uns haben andere gestoßen, um aus dem Tunnel rauszukommen bevor der Zug kam. Aber diejenigen, die schon zu tief im Schacht waren, drängten sich in kleine Enklaven.

Am nächsten Tag pedalierten wir weiter gen Norden und genossen die einzigartige Landidylle. Unser Tagesziel war eine Hütte inmitten einer Ahornplantage im Merck Forest. Wir bewältigten kurze, schwungvolle Anstiege, die wegen des permanenten Gegenwinds wirklich kraftraubend waren. Man muss eigentlich gar nicht dazusagen, dass wir länger gebraucht haben als wir erwartet hatten, um unser Ziel zu erreichen.

Während wir am ersten und zweiten Tage etwa 80 bis 100 Kilometer gefahren sind, stand am dritten Tag die Königsetappe an – knapp 140 Kilometer. Lincoln Gap, der steilste gepflasterte Abschnitt in Amerika, musste etwa 15 Kilometer vor dem Ziel bewältigt werden. Glücklicherweise hatte der Regen der letzten Tage nachgelassen und auch der Gegenwind war nicht mehr ganz so stark. Eigentlich kamen wir nicht schlecht voran, doch gegen 14 Uhr begann Benedict seine Bedenken zu äußern, ob man es zum American Flatbread noch rechtzeitig schaffen würde. Und dieser Stop war uns wichtig – immerhin war es Benedicts Geburtststätte und dort sollte es eine Pizza geben, für die es sich lohnte, noch einmal das Letzte aus uns herauszuholen.

Als wir nach dem Mittagessen weiterfuhren war ich skeptisch, ob wir es bis zum Pizza-Mekka schaffen würden. Zwar hatten wir streckenmäßig schon die Hälfte geschafft, aber die Berge begannen erst jetzt. Drei große Pässe lagen noch vor uns. Wir wussten schon, dass die Straßen von Vermount zwar nicht hoch, aber steil waren und die heutige Route bewies einmal mehr, dass das stimmte. Doch die Vorfreude auf die Pizza lies es uns durchziehen. Und die war es wert! Wir schliefen in einem B&B und schauten mit vollen Bäuchen Indianer Jones auf einer Videokasette.

Am nächsten Tag standen 40 Kilometer nach Montpellier auf dem Programm. Wir ließen es ruhig angehen. Außerdem hatte es wieder zu regnen begonnen. Wir fuhren gemächlich und hielten mittags für eine Stunde an einer Bäckerei. Dann zogen wir es durch.