Aus Liebe zum Cyclocross

Sogar Sonntagsfahrer spüren es, Profis sowieso: Cyclocross ist wie eine alljährlich wiederkehrende Verlockung, der einfach nachgegeben werden muss. Sie wird dann besonders stark, wenn sich der Winter gar bedrohlich nähert. Worin der Reiz dieser Radsportart besteht, die immer mehr begeisterte Zweiradfans in ihren Bann zieht, wollen wir in dieser Serie näher beleuchten.

NAMUR & HEUSDEN-ZOLDER, BELGIEN

UCI Weltcup #5 & #6

Sie kommen in Scharen, tragen Gummistiefel, dicke Jacken und breite Schals, um auf sämtliche Wetterkapriolen vorbereitet zu sein. Es ist ein trüber Tag im „Tempel des Cyclocross“, doch ihre Gesichter strahlen bereits voller Vorfreude. Noch schonen sie jedoch ihre Stimmbänder für die bevorstehenden Lobgesänge. Ihre Blicke schweifen suchend umher in der Hoffnung, ihre Favoriten in der Menge zu entdecken – ihre Idole, denen sie während der gesamten Saison hinterherreisen, Rennen für Rennen, Wochenende für Wochenende. Anspannung und der Duft von frisch gebackenen Waffeln liegen in der Luft. Bald, sehr bald werden sie ihre Stimmen erheben und in einstudierten Gesängen die Namen ihrer Favoriten in den frühmorgendlich frostigen Himmel rufen. Laut und übermütig. Wie der Gesang eines Chors, der die Rennstrecke in einen Hexenkessel verwandelt. Man sagt, belgische Cyclocross-Fans seien verrückt, aber wirken nicht alle hartgesottenen Fans derart auf Außenstehende? Plötzliche Stille. Die Zeremonie beginnt.

Die Fahrer versammeln sich im Startbereich, dicht gedrängt und nervös auf der Suche nach der optimalen Position wie aufgezäumte Rennpferde. Ein exklusives Starterfelds aus professionellen Road- und MTB-Fahrern trifft sich hier, um in der Saisonvorbereitung ihrer Leidenschaft für Cross und dem Kampf in Schlamm, Pfützen und Schnee zu frönen. In diesem Moment sind sie fokussiert und bereit, die erste Runde in Angriff zu nehmen. Gedanken an den Startschuss, die erste Kurve. Wie entkomme ich möglichst schnell und sicher dem Gedränge zu Beginn?

Besonders in der erste Runde geht es darum, sich zu behaupten und seine Position – falls notwendig – mit Ellenbogeneinsatz zu verteidigen, um so schnell wie möglich dem Pulk zu entkommen. Eben ein wenig wie ein Kampf, aber ein friedlicher.

Christine Majerus, Boels-Dolmans and ‘cross addict

Die Zuschauermenge folgt wie eine Schar zwitschernder Zugvögel stets dem Streckenverlauf und platziert sich immer so nah wie möglich am Kurs, wo das spektakulärste Renngeschehen zu erwarten ist. Wenn die Fahrer vorbeirauschen, werden die Hände trotz Eiseskälte für einen kurzen Moment aus den Jackentaschen gezogen, um den Helden gebührend zu applaudieren. Die Party geht weiter. Die Fangemeinde schaukelt sich immer höher im Freudentaumel, denn bald wird der Sieger über die Ziellinie fahren – ein Held wird geboren sein. Das Anforderungsprofil eines Crossers ist breit gefächert, aber auch das Rennen wirft so einiges in die Waagschale: Können. Glück. Spaß. Siegeshunger. Wer wird heute der oder die Glückliche sein und ganz oben auf dem Podium stehen? Trotz aller Rivalität herrscht unter den Teilnehmern ein einzigartiges Zusammengehörigkeitsgefühl während sie sich durch Sand und Schlamm kämpfen. Denn für alle sind die rauen Bedingungen identisch. Runde für Runde werden die Furchen tiefer, die die Fahrer durch den Untergrund ziehen. So geraten beinahe alle früher oder später ins Schlingern oder müssen absteigen. Das Fahrerfeld zieht sich immer weiter auseinander bis der gebührende Sieger, der Tapferste, die Siegerfaust ballt. Die Menge jubelt jedem einzelnen zu, der hinter der Ziellinie nach Atem ringt. Die Zeremonie ist vorüber. Den echten Crossern zufolge bewältigst du nur ein Cross-Rennen, wenn du Spaß daran hast. Und wenn man sich die eindrucksvollen Slowmo-Videos und Fotos eines Cyclocross-Rennens betrachtet, kann man gut verstehen, warum so viele Fahrer diesen Sport mit all seinen Facetten einfach lieben. Großartig, spielerisch, mit Freude am Kampf Mann gegen Mann. Nicht nur immer mehr Radsportliebhaber finden Gefallen daran, sondern auch eine stetig wachsende Fangemeinde wird vom Cyclocross in seinen Bann gezogen. Und wer würde sich nicht eine Religion wünschen, die auf solchen Grundsätzen beruht?

Die nächsten UCI Weltmeisterschaften werfen ihre Schatten voraus. Lasset uns beten.

Wenn du nach dem Rennen Interviews führst, werden die Sieger sagen: „Oh, ich hatte so großen Spaß!“ Und der Letztplatzierte wird ihm beipflichten: „Ah, es war großartig, es hat solchen Spaß gemacht!“ Und das ist etwas, was dir nach einem Straßenrad-Rennen wohl eher selten passieren dürfte. Abgesehen davon solltest du wohl den Letzten eines Straßenrennens nie fragen, wie sein Wettkampf gelaufen ist…

WEST SUSSEX, GROßBRITANNIEN

Runde 8, London X League

Draußen ist es bitterkalt, dennoch schälst du dich aus dem Bett, schlurfst noch etwas schlaftrunken in deiner wohlig-warmen Wohnung umher und suchst dein Equipment zusammen, den letzten Bissen Frühstückstoast noch im Mund. Als du später dein Bike aufs Auto schnallst, bemerkst du plötzlich, dass der Himmel sich mittlerweile bedrohlich dunkel verfärbt hat – oh je, wird es etwa regnen? Sofort machst du dir Gedanken über den Reifendruck deines Bikes und die Waschprozedur nach dem Rennen. Kurz darauf hast du die Stadt hinter dir gelassen und steuerst deinen Wagen durch die sonntäglich verlassenen Straßen raus in Richtung Umland. Du kommst noch mit reichlich zeitlichem Puffer am Ort des Wettkampfgeschehens an – das Rennen startet erst um 14 Uhr – und stellst das Auto ab. Ein paar andere frühe Vögel haben sich ebenfalls schon am Parkplatz eingefunden, während du dir noch einen Moment der Ruhe und Wärme im Wagen gönnst. „Das sind meine Kollegen“, denkst du lächelnd, und entdeckst ein paar bekannte Gesichter, die schon umtriebig und sichtlich nervös mit ihren Wettkampfvorbereitungen beschäftigt sind. Eltern, ihre Kinde und Freunde – eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, die sich anfühlt wie eine zweite Familie.

Du stellst den Motor ab und versuchst deine Hände mit deinem Atem zu wärmen. Nun aber los, auf geht’s!

Manchmal rolle ich mit dem Hauptfeld mit, ohne Ambitionen auf die Top 10. […] Du hast im Rennen immer einen Mitstreiter an deiner Seite, das ist ziemlich cool.

Rudy Melo, 5th Floor

Cyclocross-Rennserien wie der London X League wohnt eine Art besonderer Zauber inne. Sie verkörpern das Gemeinschaftsgefühl der Cross Community und ihre Besonderheiten: Sie unterstützen einander, kämpfen gegeneinander und haben vor allem gemeinsam jede Menge Spaß. Es gibt Vereine, die jedes Wochenende ein Rennen veranstalten, bei denen insbesondere die freiwilligen Helfer dafür zuständig sind, die Strecke mit Hindernissen zu bestücken und mit Absperrband zu begrenzen. Und dann sind es die Fahrer, die bis in die Haarspitzen motiviert sind und bei jedem Wetter alles aus sich und ihren Bikes herausholen. Auch die Freunde und Familien, die jede Woche wieder am Streckenrand stehen, um ihre Sportler, ob 10 oder 50+ Jahre alt, voller Enthusiasmus zu unterstützen. Sie alle zusammen sind Cyclocross.

„Ich finde beim ‘Cross besonders die Community beeindruckend, die diese Sportart ausmacht”, erklärt Rudy Melo, Mitbegründer des Radsport Clubs 5th Floor. „Es herrscht eine sehr entspannte Stimmung, aber du kannst auch ambitioniert fahren, wenn du möchtest.“

Ambitioniert kompetitiv oder nicht, fahrerisches Können und Wettkampferfahrung der Teilnehmer sind in jedem Rennen sehr unterschiedlich ausgeprägt (es gibt keine Rennkategorien in dieser Serie, lediglich verschiedene Altersklassen). Daher entstehen eigentlich immer Duelle auf Augenhöhe – oder zumindest gegen den eigenen Schweinehund.

„Wenn es mal nicht so läuft wie du es dir vorstellst, dann kämpfst du in erster Linie gegen dich selbst oder versuchst, einfach in jeder Runde das Beste rauszuholen oder einfach nur besser zu sein als im letzten Rennen, oder den Fahrer direkt vor dir einzuholen oder den hinter dir so weit wie möglich auf Abstand zu halten.“ Wo du dich auch immer in den ca. 60 Minuten auf der Strecke befindest, ein gewisser Kampf ist es immer.

Es ist Winter. In dieser Jahreszeit, in der herz- und baucherwärmende Suppen und so manch anderer Magenschmeichler ein Muss für unser Wohlbefinden sind, darf ‘Cross einfach nicht fehlen. Jede Woche aufs Neue stehst du an der Startlinie, tauscht noch einen lockeren Spruch mit deinen künftigen Konkurrenten aus. Der Startschuss fällt und du trittst kräftig in die Pedale, schon bald brennt nicht nur deine Lunge und dein Gesicht ist bereits von der Anstrengung gezeichnet. Du fährst gegen jeden, egal ob hinter, neben oder vor dir und kämpfst für ein klein wenig Ruhm und Ehre. Dann ist tatsächlich die Ziellinie in Sicht, du stolperst irgendwie über das letzte Hindernis, dein Puls rast bis zum Hals, du ringst nach Luft und drohst beinahe zu kollabieren. Doch im Ziel ist die Anstrengung schnell vergessen und du tauschst mit deinen Mitstreitern wilde Helden-Geschichten über das strapaziöse Rennen aus: Furchtbar kalt war es, und unglaublich rutschig, besonders an den Anstiegen.. Nun wird es Zeit, dein Equipment von der dicken Schlammschicht zu befreien und zusammenzupacken. Bis nächste Woche, oder?

Los Angeles, Kalifornien

UCI CXLA

Du kannst sie im nächstgelegenen Stadtpark zu späterer Stunde beobachten, wenn Nebel und die Kühle der Dämmerung schon hereingebrochen sind. Dann findet das ganz besondere Training der Cyclocrosser statt, das auf den ersten Blick wie das Einstudieren einer Tanzchoreographie wirkt: Eins, zwei, drei, Sprung, eins, zwei, drei…. Dann klicken sie ratz fatz aus den Pedalen aus, schwingen ihre Bikes auf die Schultern und rennen in Windeseile den nächstbesten Hügel hinauf. Denn ein Rennwochenende steht vor der Tür und man will schließlich auf sämtliche Rennsituationen optimal vorbereitet sein. Vom blutigen Anfänger bis hin zum Cross-Pro – alle sind mit Feuereifer dabei und unterstützen einander. Zu Letzteren ist in jedem Fall Cody Kaiser zu zählen. Der U23 Cyclocross US-Landesmeister (2014) beherrscht sogar DIE Königsdisziplin wie kein Zweiter und fährt leidenschaftlich gerne Treppen mit dem Crosser aufwärts. Daher verwundert es wohl kaum jemanden, dass das Online-Video seiner rhythmischen Bike-Akrobatik quasi über Nacht nicht nur seine Bekanntheit ins Unermessliche katapultierte, sondern ihm auch noch den Titel „(Cyclocross-) Gott“ einbrachte. „Auf Rhythmus und Geschwindigkeit kommt es besonders an“, beschreibt Cody sein Vorgehen. „Und du darfst den Fokus niemals verlieren, sonst bleibst du plötzlich hängen.“

Beim Cyclocross darfst du nicht abschweifen wie in der freien Natur, du musst dich auf dich und das, was vor dir ist, genau fokussieren. Es ist manchmal so wild wie eine Heavy Metal Show, nur eben ein Bikerennen.

Cody Kaiser

Cyclocross ist schnell, kurzweilig und macht verdammt viel Spaß. Und je häufiger du trainierst und an Rennen teilnimmst, desto besser gewöhnt sich deine Muskulatur an diese Art der Belastung. Und du verinnerlichst diesen Tanz und die Choreographie aus Sprüngen über Stock, Stein und Wurzeln, aus mühevollem Durchfahren von Sandpisten und Schlingern durch Schlammpfützen. Das Auf- und Absteigen gelingt dir irgendwann beinahe mühelos und du gewinnst von Mal zu Mal mehr an Reaktionsschnelligkeit. Und dann eines Tages vielleicht, aber nur vielleicht, gelingt dir bei einem Rennen so etwas Außergewöhnliches wie Cody Kaiser mit den Treppen… Das nächste Wochenende kommt bestimmt – worauf wartest du?

Portland, Oregon

'Cross Crusade #1

“Auf geht’s!” Du hörst die durchdringenden Anfeuerungsrufe der begeisterten Zuschauermenge schon von Weitem als du auf die enge Rechtskurve zusteuerst. Dieser Kurs verzeiht nur äußerst ungern etwaige Fahrfehler – und das weiß das Publikum an dieser Stelle ganz genau. Bleib ruhig. Du verlagerst das Gewicht und streckst dein rechtes Bein ein wenig nach außen, um auf dem Bike zu bleiben. Der Untergrund unter deinen Reifen wird immer rutschiger, du verlierst plötzlich die Bodenhaftung und rutscht auf deinem Hosenboden samt Rad den Abhang hinunter. Wieder sind die lauten Rufe der Zuschauer nicht zu überhören. Leicht frustriert und dennoch voller Motivation steigst du wieder auf – dieses Rennen und vor allem sein Kurs unter diesen Bedingungen haben es wirklich in sich, einfach großartig!

Ich sage immer: „Juhu, unser Rennen dauert nur 45 Minuten und dann dürfen wir uns und unser Zeug vier Stunden lang waschen.“

Cindy Lewellen, Poler CX Team

Ein Cyclocross-Rennen ist so ambivalent wie ein in den 80er Jahren topmodischer Vokuhila: Vorne bzw. zu Anfang steht die ernsthafte Pflicht und hinten raus, wenn das Ende näher rückt, folgt die Kür bzw. das Tüpfelchen auf dem „I“. An der Spitze des Feldes ziehen die Mutigsten in die Schlacht, am Ende kämpfen jedoch die wahren Helden um jeden Meter. Das Ganze ist ein Spiel und für jeden der tapferen Teilnehmer liegen glorreiche Momente oder Augenblicke tiefster Enttäuschung nah beieinander. Und dennoch erlebt jeder, der sich einmal im Teilnehmerfeld eines Cyclocross-Rennens wiedergefunden hat, eine unvergessliche Zeit auf dem Bike. „Wir sind alle in der Single Speed-Kategorie am Start“, beschreibt Ryan Barrett aus dem Poler CX Team die Szene in Portland. „Und in dieser Klasse gibt es quasi keine definierten Regeln. Deshalb kannst du hier ein bunt gemischtes Starterfeld erleben: Von ambitionierten und erfahrenen Racern bis hin zu den kurzentschlossenen Hobbyathleten, die ihr Bier gerade noch rechtzeitig vor dem Startschuss gegen eine Bibnummer getauscht haben. Auf jeden Fall ist die Stimmung immer grandios und unter den Zuschauern sieht man viele strahlende Gesichter.“ Nörgler und Besserwisser würden vielleicht die Stirn runzeln und sagen: „Ja, schön und gut, aber es ist eben nicht wie in Belgien (dem Mutterland des Cyclocross).“ Aber niemand, der hier an den Start geht, würde derartige Kritik äußern. Cyclocross in den hiesigen Gefilden hat eben seinen ganz eigenen Charakter, anders als in Australien oder Großbritannien oder… wo auch immer. Cross? Cross ist eben, was du draus machst.